Renaissance an der Stockenflue

Die Stockeflue (1948 m) ist ein Wahrzeichen des unteren Simmentals. Der Gipfel kann von der Alp Vorderstocken aus auf einem Wanderweg problemlos erreicht werden.

Wahrzeichen im Simmental

Die Südabstürze der fast einen Kilometer breiten Wand sind bis zu 250m hoch und bestehen aus steilgestelltem Malmkalk der Klippendecke. Sehr grasige und brüchige Wandzonen wechseln mit kompaktem Kalk ab.

Superfels

Besonders im rechten, auslaufenden Wandteil dominiert aber Superfels. Von der Alp Vorderstocken aus gesehen macht die Fluh einen wilden Eindruck und zieht den Blick von Kletterern auf sich.

Voralpenführer aus den Achtzigerjahren

Im alten Voralpenführer aus den Achtzigerjahren von Maurice Brandt sind eine ganze Reihe von Linien als begangen dokumentiert. Die meisten gehen wohl auf das Konto von Fritz Tschabold.

Von Erich Friedli und Hans Ulrich Tschanz stammten die ersten Routen an den Ostausläufern

Von Erich Friedli und Hans Ulrich Tschanz stammten die ersten Routen an den Ostausläufern mit sportlichem Charakter aus den Sechzigerjahren. Habi Trachsel und Edi Cubeus ergänzten die Linien anfangs Siebzigerjahre mit einer eleganten Direktvariante auf den Vorgipfel der Stockenfluh. Ausser einer haarsträubenden Story, die Werner Tschabold, Balzenberg, in Erinnerung hat, ist wenig über Begehungen bekannt, die Stockeflue fiel für über ein Jahrzehnt in einen tiefen Schlaf.

SAC-Führer

Ausschnitt aus dem SAC-Führer

Topo Jürg

Zu Beginn der Achtzigerjahre standen aber die Stockeflue, die auf der Vorderstockealp im Wald verstreuten Blöcke und die Mieschfluh, die grosszügigerweise zur Stockeflue gezählt wurde, plötzlich im Brennpunkt des Sportkletterinteresses. Einschlägig bekannte Akteure wie Jürg von Känel, Sam Abegglen, Robi Marti und die Sutter brothers erschlossen viele Toprouten, für die man von weit her anreiste. Urs Gebauer, Lorenz Radlinger und H.R. Mösching waren um moderate Linien bemüht. Die Stockeflue bildete ein eigentliches Sportkletterzentrum im Berner Oberland. Die Kletterei war anspruchsvoll und knallhart abgesichert, was sicher mithalf, dass das Gebiet nach einer kurzen Blütezeit in Vergessenheit geriet. Zudem hielt sich der Verdacht hartnäckig, dass alles links der “Grossen Strasse” brutal grasig sei.

 

 

Einstieg

Im schneearmen Winter durchstreifte ich verschiedentlich den Wandfuss und die weitere Umgebung der Stockeflue und hatte viel Zeit, die Felsen mit dem Fernglas zu studieren. Ich vermutete eine schöne Linie, die zwar von zwei Bändern unterbrochen, aber in kompaktem Fels auf die Fluh führen könnte. Beim Erkunden des Einstiegs stiess ich auf einen Felsen, an dem sich nun 5 Einseillängen klettern lassen: Von links nach rechts: 5c, 6a, 6b, 6b+, 6c+ und 7a+. Die Routen sind bis 30m lang und sehr gut abgesichert, Irniger-Stände zum Umlenken sind vorhanden. Die Einstiege werden durch mehr oder weniger horizontale Querungen nach W von der kleiner Hütte am Waldrand in 10min. erreicht. Dabei passiert man die Extremklassiker “Senneschreck” und “Alpensaga”.

“Gin”

In verschiedenen Anläufen konnte ich im Frühjahr 2011 zusammen mit Florian Lörtscher unsere Linie vorantreiben. Der Name “Gin” erschien mir angesichts der widerborstigen Wachholderstauden passend. Wir erschlossen von unten die ersten 3 Seillängen. Die grasigen Partien waren kürzer als erwartet und halt der Preis, um weiter oben auf super Felsen zu stossen.

Nach zwei SL kann man sich in einer schattigen Laube entspannen.

Flo

Flo hat Freude an seinem übersichtlichen Stand.

Placements zum Bohren

Und ich freue mich über optimale Placements zum Bohren.

Dritte Seillänge

Die dritte Seillänge beginnt mit verschwenderischer Griffülle, um einen nach 10m auf eine glatte Platte zu werfen. Da die Nerven fehlten und die Platte wirklich recht glatt ist, musste ich einen Haken aus dem letzten Bohrhaken setzen. Auch beim Rotpunktversuch mit Omar Dietrich liess sich diese Stelle noch nicht frei knacken. Nach diesen 3 Längen wartete ein kurzer, grasiger Riss auf uns und weiter oben blinkten uns nicht ganz unerwartet alte Bohrhaken entgegen. Ich wusste, dass Sam Abegglen seinerzeit in diesem Wandbereich von oben Routen erschlossen hatte, allerdings habe ich angenommen, dass sich alle am dritten Aufschwung befinden. Flo war der Jümarerei leid und ich hatte keine Lust, mit der Bohrmaschine in eine bestehende Linie einzusteigen und ohne hätte ich mich nie getraut. Denn die alten, gebohrten Sanduhrschlingen sprachen eine deutliche Sprache.

Sam`s Linien

Nachdem ich von Sam das ok. erhalten hatte, seilte ich mich von oben über seine Linien bis zu unserem Umkehrpunkt ab und sanierte die Verbindungsseillänge bis aufs zweite Band und mit Petra Müller legten wir zwei Seillängen im dritten Aufschwung neu an.

Inox M10

Dabei kam ausschliesslich Inox-Material M10 zum Einsatz. Die Stände stammen von Steffi Irniger. Die Routen am dritten Aufschwung können von oben mit 50m abseilen erreicht werden, zu den Abseilstellen im Ausstiegsbereich gelangt man vom Vorgipfel der Stockeflue, an den exponierten Stellen hängen Fixseile. Bis jetzt können 2 Linien geklettert werden: “Krasavice” 6b+ von Sam, 2011 saniert und die zwei Ausstiegslängen von “Gin”. Der Platz ist sehr schön und sicher einsam, weitere Linien können geklettert oder saniert werden.

Topo Gin

Topo Gin 7 Sl bis 6c+, 2 p.a. gut abgesichert, 12 Express, einige davon lang. Mit 2 x 50 m kann der Einstieg mit 3 x Abseilen erreicht werden. Die 2. Abseilstelle befindet sich in Abstiegsrichtung links an einem Baum mit Stahlstruppe und Stahlkarabiner. Der Einstieg führt von der kleinen Hütte am Waldrand unter Senneschreck und Klettergarten durch in 15 min zum Einstieg. Am Schluss wird ein Gerölltrichter gequert und ein kurzes Fixseil hilft über eine felsige Felsstufe.

Stocke- und Mieschflue

Es ist schade, dass an der Stocke- und Mieschflue so viele tolle Linien vor sich hin modern und nicht mehr geklettert werden. Wer technisch anspruchsvolle Kletterei ohne Gebrauchsspuren sucht, ist hier richtig. Allerding stammt die Ausrüstung in Stil und Material aus den Achtzigern. Dem Gebiet ist eine sorgfältige Sanierung zu gönnen. Bernhard Senn hat mit der Sanierung von “Chlini Strass” und “Grossi Strass” die ersten Schritte in diese Richtung getan.