Abenteuer am höchsten Wasserfall der Welt

Drei Freunde machen sich auf, den Wasserfall zu überqueren. Highline am Angel Fall in Venezuela.
Ein Bericht von Bernhard Witz.

Helmar, Fabian und ich beim Zustieg auf den Auyan-Tepui. Die 1300 Höhenmeter mit über 25 kg schweren Rucksäcken machten uns an dem tropisch heissen Tag zu schaffen. Vor allem weil es kein Mittagessen gab. Es ist der einzige Weg auf diesen Tafelberg. Wenn wir geahnt hätten, wie unwegsam er ist, hätten wir unsere Trekkingstöcke gar nicht erst mitgenommen.

Unser zweites Camp bei Libertator, dem höchsten Punkt des Auyan-Tepui auf ca. 2400 müM. Gleich daneben befindet sich unser erster Highline-Spot. Die Aussicht über die Gran Sabana war fantastisch.

Helmar, Fabi und ich beim Besprechen, wie wir unsere erste Highline in Venezuela aufbauen wollen. Ob es uns gelingen wird, wissen wir in dem Moment noch nicht. Nachdem wir die letzten Tage wegen der Hitze kaum schlafen konnten, war es in Libertator recht frisch. In der Nacht froren wir sogar in unseren Schlafsäcken.

Nach zwei Tagen Regen in Libertator haben wir am letzten Morgen das beste Wetter. Die anspruchsvolle Erstbesteigung des freistehenden Felsturmes nahm zwei Tage in Anspruch und wir freuten uns sehr, als wir die Highline fertig gespannt hatten. Nachdem ich den Film "Up"(2009) und "Lost World"(1925) gesehen hatte, fragte ich mich, ob es auf dem Tafelberg tatsächlich solche paradiesische Highline-Türme wie in den Filmen gibt.

science4grownups.com/archives/2009/05/29/general/the-real-world-behind-ups-paradise-falls-530

Unsere erste Highline spannten wir von einer kleinen Höhle in der Wand zu einer Felsnase von einem freistehenden Felsturm neben der Steilwand des Tepuis. Sie ist 38 m lang und etwa 80 m hoch. Helmar gab ihr den Namen "Shangri-La"(Paradies). So bezeichnete Henry, unser Guide, diesen Ort. Der Sandstein war so kompakt und eisenhaltig, dass unser Bohrer anfing zu glühen.

Wir befinden uns am anderen Ende des Auyan-Tepui. 40 m unter uns ist die Stelle, wo der Angel Fall aus der Wand schiesst.

Fabian bei seiner ersten Begehung der "Lost World Highline". Nach knapp zwei Wochen auf dem Tafelberg und vielen Strapazen sind wir endlich an unserem Ziel.

Es ist ein unglaubliches Gefühl, wenn man fast wie frei schwebend an einem so speziellen Ort über eine Highline laufen kann. Mein bevorzugter Begehungsstil ist mit dem klassischen "Swami", ein Schlauchband, dass ich mir um den Bauch knote. Damit kann ich mich auf der Highline freier bewegen, darf aber nicht mehr stürzen.

Anders als bei niedrig gespannten Slacklines, fehlt einem auf der Highline die optische Referenz des Bodens. Das ist die Hauptschwierigkeit beim Highlinen. Der Wasserfall neben uns hatte zudem den Effekt, dass wir während des Gehens immer etwas zur Wandseite gekippt sind.

Die Aussicht von der Highline direkt über dem Wasserfall war grandios. Wir haben sie am exponiertesten Punkt über dem Wasserfall gespannt. Der Wasserfall ist so hoch, dass sich das Wasser irgendwann in der Luft zerstäubt, bevor es unten ankommt. Etwas über 1000 m unter uns befand sich der Fluss, auf dem wir mit dem Einbaum aus dem Dschungel fahren konnten.

Ästhetik ist für mich sehr wichtig beim Highlinen. Wir überlegen uns jeweils ganz genau, wo und wie wir eine Highline aufbauen. Eine Highline ist für mich eine Art Kunstwerk. Der Aufbau bei der "Lost World Highline" war ziemlich aufwändig, weil wir die Felsblöcke zwischen denen die Line gespannt war, nicht direkt in Zugrichtung belasten wollten. Am Ende waren wir sehr zufrieden mit dem Ergebnis, obwohl sich unsere Hoffnung, die Highline clean aufzubauen, leider nicht erfüllte. Weil wir keine geeigneten Risse finden konnten, um Klemmkeile oder ähnliches zu befestigen, setzten wir an beiden Seiten 3 Inox-Bohrhaken.

Der Regen wärend dem Trip war für uns Fluch und Segen zugleich. Die Sumpfpassagen unterwegs sind praktisch nicht zu bewältigen, wenn es viel Wasser hat, weil man bis zur Hüfte einsinken kann. Da unser Weg aus dem Dschungel über den Fluss führte, waren wir aber auf den Regen angewiesen. Auch für das Trinkwasser war der Regen wichtig. Und schliesslich wünschten wir uns für unsere Highline einen Wasserfall, der auch Wasser führt. Als wir starteten, war der Angel Fall praktisch ausgetrocknet. Die letzten Tage hatten wir so viel Regen, dass das Wasser überall aus der Wand spritzte und der Wasserfall einen tosendem Lärm machte. Unser Plan war aufgegangen.

Auf diesem Bild sind wir mit unseren Guides zu sehen. Henry kennt die Gegend wie seine Hosentasche und war bereits etliche Male auf dem Auyan-Tepui. In seiner Jugend war er einer der besten Sportkletterer in Venezuela. Kevin und Alfredo neben ihm sind starke Kletterer und haben zusammen schon einige anspruchsvolle Big-Wall-Routen im Canaima Nationalpark erschlossen. Fabian und Helmar (links und rechts unten) gehören zu den Highline-Veteranen in Deutschland. In den Händen halten wir das Slackline-Band "Sonic" von Landcruising, das perfekt war für unsere Highlines.

Fabian bei seiner Erstbegehung der "Shangri-La Highline". Unter uns das Nebelmeer und dahinter ein entfehrnter Tafelberg.

Eines der vielen Hindernisse auf dem Weg über den Auyan-Tepui. Hier sehen wir Alec, unseren Kameramann, beim Durchqueren eines Flusses. Weil ich keine Lust hatte meine Schuhe auszuziehen, bin ich samt Rucksack über den Ast geklettert, an dem sich Alec hält. Erstaunlicherweise bin ich tatsächlich trocken auf der anderen Seite gelandet.

Der Weg durch den Dschungel war eines der Highlights für uns. Am liebsten würde ich mich jeden Tag dorthin beamen, um etwas durch den abwechslungsreichen Wald zu schlendern und in die Natur abzutauchen.

Die Verbindung ist gelegt und die Verankerungen sind fertig: Der Aufbau der ersten Tepui-Highline kann beginnen.

Helmar auf der Highline in Libertator. Am Fixpunkt sitzt Alex unser Fotograf und Kameramann. Er braucht viel Geduld für seine Bilder, denn die meiste Zeit sieht man den Highliner im Nebel nicht.

Abendessen beim Camp in Libertator. Von den Indianern hatten wir eine speziell scharfe Sosse. Diese besteht aus Wurzeln, die stundenlang gekocht werden müssen, weil sie sonst giftig sind. Eine Gabelspitze reichte um das Essen höllisch scharf zu machen.

 

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