Kletterreise zu den Granitwänden im subtropischen Regenwald Chiles

Reisebericht aus dem Valle Cochamó - 6. Januar bis 12. Februar 2010. Schon lange vor unserer Abreise schwärmten Christoph Räz und Lukas Mani von den grandiosen Granitwänden im chilenischen Valle Cochamó.

Christoph Räz, Lukas Mani, Andreas Lanz, Christoph Mani und Beat Glücki

Entdeckt hatten sie dieses Gebiet in einem Klettermagazin, worin das Valle Cochamó als das „Yosemite Südamerikas“ bezeichnet wurde – also nichts wie hin! Ihre Begeisterung war so ansteckend, dass sich schon nach kurzer Zeit Andreas Lanz, Christoph Mani und Beat Glücki dazu gesellten. Das Team ist komplett und die Reise kann beginnen.

Chile

Mit leichter Nervosität und viel Übergepäck starten wir unser Abenteuer am Flughafen Zürich. Genau dieses Übergepäck will uns schon am ersten Tag das Reisebudget über den Haufen werfen. Doch dank Lücku‘s beharrlichen Verhandlungen können wir unserem Sparschwein ein Leck ersparen.

Chile

Die anschliessende Flugreise führt uns über Madrid und Santiago de Chile nach Puerto Montt.

Puerto Montt

Puerto Montt ist eine nicht sehr attraktive Hafenstadt, welche den meisten Touristen nur als kurzen Zwischenstopp vor der Weiterreise mit der berühmtberüchtigten Navimag-Fähre ins südliche Patagonien dient.

Supermärkte

Wir hingegen besuchen dort wie fleissige Bienen die Supermärkte und decken uns für 28 Tage mit Lebensmittel ein.

Hostal Suizo

Im Hostal Suizo verstauen wir rund 300 Kilo Gepäck und Verpflegung in Fässern und Rucksäcken und bereiten unsere Weiterreise vor.

Cochamó

Nach zwei Stunden Busfahrt erreichen wir am 9. Januar 2010 das kleine Fischerdorf Cochamó.

Cochamó

Ein „Taxi“ bringt uns das erste Stück ins Tal hinein bis ans Ende der Strasse.

Sumpfige Schlammwege

Begleitet von ersten Regentropfen verteilen wir unser Gepäck auf vier Pferde und los geht die vierstündige Kneipp-Wanderung. Wir durchwaten kalte Bergbäche, sumpfige Schlammwege und nach einer gewissen Zeit durchnässt die himmlische Dusche auch die beste Gore-Tex Jacke… Eine saftig grüne Campingwiese umringt von grandiosen Granitwänden und wunderschönem Regenwald entschädigt für unsere nasse Ankunft.

Unser Camp

Unser Camp wird nach schweizerischen Qualitätsnormen wind- und wetterfest aufgebaut. Da uns Chiles Wettergötter viel Wind und Regen schicken, sind wir sehr froh um unser solide aufgebautes und komfortabel eingerichtetes Zeltlager. An schönen, kletterfreien Tagen relaxen wir in der Hängematte, waschen uns im a….-kalten Bach oder streifen wie Jäger durch die dichten Wälder. An den vielen Regentagen verbessern wir die Jagdwaffen, geniessen die warme Mahlzeit unter dem Küchenzelt und fluchen über das Wasser, welches uns von Zeit zu Zeit über den Rücken rinnt...

Wettergötter

Da uns Chiles Wettergötter viel Wind und Regen schicken, sind wir sehr froh um unser solide aufgebautes und komfortabel eingerichtetes Zeltlager.

Jagdwaffen

An den vielen Regentagen verbessern wir die Jagdwaffen, geniessen die warme Mahlzeit unter dem Küchenzelt und fluchen über das Wasser, welches uns von Zeit zu Zeit über den Rücken rinnt...

Bienvenidos a mi insomnio

Unser erstes und zugleich grösstes Ziel ist die Route „Bienvenidos a mi insomnio“ am Cerro Trinidad. Die Route führt in 20 Seillängen (rund 950 Klettermeter) in Schwierigkeiten bis 5.10d (6b+) entlang von Risssystemen und über einige Platten durch die gesamte Nordwestwand.

Bienvenidos a mi insomnio

Bienvenidos a mi insomnio

Unser Plan

Unser Plan ist, die ganze Route in einem Tag zu durchsteigen. Wobei wir - um dies zu schaffen - die ersten vier Längen vor dem Durchstieg mit Fixseilen ausstatten müssen.

chilenische Bewertung

Schon dabei lernen wir die ziemlich runden und unbequem zulaufenden Risse sowie die chilenische Bewertung kennen.

Schlüssellängen

So starten wir am 22. Januar 2010 um fünf Uhr morgens noch im Finstern mit dem Aufstieg entlang der Fixseile um dann mit dem ersten Tageslicht gleich in eine der Schlüssellängen zu starten.

Friends und Klemmkeilen

Den grössten Teil der Route sichern wir mit Friends und Klemmkeilen ab, selten steckt ein Normalhaken und nur dort, wo eine Plattenpassage überwunden werden muss, sind Borhaken vorzufinden..

Finger- und Faustrisse

Nebst den runden und teils leicht grünen Rissen und den Schleichplatten finden wir auch einige wunderbare Finger- und Faustrisse welche die schmerzenden Füsse vergessen lassen…

Gipfel

Um 20.30 Uhr stehen wir auf dem Gipfel des Cerro Trinidad – was für ein Moment! Erleichterung, Ruhe, Freude. In den letzten Sonnenstrahlen geniessen wir die grandiose Aussicht. Nach gut drei Stunden Abstieg im Finstern gibt’s zurück am Wandfuss etwas Warmes zu Essen, viel zu Trinken und dann geht's nur noch ab in den Schlafsack.

Pegadito en la Pared

Da das schöne Wetter anhält, machen wir uns nach zwei Ruhetagen zum Trinidad Sur auf. Wir klettern dort die ersten fünf Längen der Route „Pegadito en la Pared“ in Schwierigkeiten bis 5.11a (6c).

Plaisir-Klettertag

Die Route stellt sich als absolute Genusstour mit schöner Riss-, Kamin- und Wandkletterei heraus. Ohne Zeitdruck und mit wärmenden Sonnenstrahlen verbringen wir einen schönen Plaisir-Klettertag.

vertical forest

Unsere Tage hier im Tal neigen sich schon langsam dem Ende zu, aber es sind zum Glück nochmals ein, zwei trockene Tage in Sicht. So erklären wir das abgelegene „Anfiteatro“ zu unserem finalen Ziel. Um dort hin zu gelangen, geht es erst mal einen Tag lang bewaffnet bis an die Zähne mit Machete, Säge und 65 Meter Statikseil auf in den Kampf. Ganz nach dem Motto „ohne Fleiss kein Preis“ fordert der lange Zustieg durch den „vertical forest“ mit zugewachsenen und ausgesetzten Wegen unseren vollen Einsatz. Das dichte Gestrüpp erfordert einen beherzten Einsatz der Machete und einen aufmerksamen Blick auf den richtigen Pfad.

Grün in allen Variationen

Der Weg führt uns durch ein wildes Naturparadies in leuchtendem Grün in allen Variationen, entlang kristallklarer Bergbäche und endet schliesslich in einem überwältigenden Kletterparadies.

Anfiteatro

Der erste Blick auf das gigantische U-förmige Anfiteatro aus Fels haut uns um - wir merken einmal mehr, wie vernichtend klein wir doch sind.

Cerro Espejo

Tatsächlich, die chilenische Wetterfee ist ein letztes Mal für uns: Es stehen noch zwei bis drei trockene Tage an, bevor eine Kaltfront eintrifft. Also wird sämtliches Klettermaterial, Schlafsack, Essen und Kocher in die grossen Säcke gepackt und los geht es auf dem bearbeiteten Pfad Richtung Anfiteatro. Nach rund sechs Stunden stehen wir also wieder in diesem umwerfenden Felskessel und studieren unser letztes Projekt. Die Route „Excelente mi Teniente“ folgt in 14 Seillängen bis 5.11a (6c) einer logischen Risslinie auf den Cerro Espejo.

Schöne Kletterei

Am 31. Januar steigen wir nach einer mässig erholsamen und kalten Nacht unter freiem Himmel noch etwas zerknittert in die Route ein. Doch schon nach ein paar eingerosteten Kletterzügen geniessen wir die schöne Kletterei in scharfen Rissen und Verschneidungen – unterbrochen von einem steilen, moosigen Dach - in vollen Zügen.

Wolken am Himmel

Die zunehmenden Wolken am Himmel verheissen nichts Gutes und durch die kühlen Temperaturen kommen wir nicht ganz so schnell voran wie erhofft. Nach sechs schönen Seillängen entscheiden wir uns schweren Herzens – anstatt weiter zu klettern und eine wahrscheinlich nasse und kalte Nacht ohne Zelt im Anfiteatro zu verbringen - abzuseilen, um noch am selben Abend den langen Abstieg ins Tal auf uns zu nehmen.

Schnee auf den Granitgipfeln

In unseren letzten paar Tagen im Valle Cochamó zeigt sich das chilenische Wetter von derselben nassen Seite wie vor einem Monat, als wir es betreten haben – mit dem einzigen Unterschied, dass sich der Niederschlag nun in Form von Schnee auf den Granitgipfeln über uns abgelagert hat.

Bei Regen

Bei Regen sieht alles ein wenig anders aus

Freundschaft

Doch was uns von dieser Zeit hier bleiben wird, wird sicher kaum das viele Nass von oben sein, sondern vielmehr die wilde Natur, die klaren Bäche, die Begegnungen mit verschiedensten Leuten, die grünen Wälder, die vielfältigen Klettererlebnisse, die kreativen Zeiten im Camp und unsere Freundschaft.

Herzlichen Dank

Herzlichen Dank an die Toprope GmbH für die grosszügige Unterstützung unserer Kletterreise! Ausführliche Infos zum Valle Cochamó sind zu finden unter www.cochamo.com